"Mineralien selbst suchen - ein Hobby von gestern ?"
Interview mit Dr. Gerhard Niedermayr, dem Konservator der Mineraliensammlung des NHM Wien, von den Mineralientagen 1999
MM-Online (Wolfgang Zahnleiter):
"Ja früher, da hat man bei uns noch selber Kristalle finden
können - aber heute Sammelbeschränkungen und
ausgebeutete Fundstellen!"
Teilen Sie die pessimistische Einschätzung vieler Sammler?
Dr. Gerhard Niedermayr:
Man sollte das nicht so pessimistisch sehen, wie es viele Sammler tun. Ich glaube, man kann auch erklären,
woher das kommt. Die Welt ist in den letzten Jahrzehnten nicht größer geworden, aber die zunehmende
Freizeitmobilität der Menschen in Europa hat dazu geführt, dass es eng wird in Europa und damit eng an den
Fundstellen. Dazu kommt noch, dass die Sammler langsam begreifen müssen, dass man nicht einfach an eine Fundstelle
gehen und dort darauf losgraben kann. Freilich, es war altes Gewohnheitsrecht, diese Bergfreiheit.
In den USA hat man das Recht des Grundeigentümers schon immer respektiert. Dazu kommt noch, dass gerade bei uns in
Österreich der Nationalparkgedanke den Grundeigentümern verdeutlicht hat, dass ihr Grund etwas wert und nicht
"bloß eine Alm" ist. Und nicht zuletzt haben auch Mineralienbörsen, so positiv sie das Interesse der Menschen für die Welt der Mineralien fördern, den Laien den Wert mancher Fundobjekte vor Augen geführt. Dass man mit Fundobjekten Handel treiben kann, hat natürlich die Situation der Sammler an den Fundstellen nicht verbessert.
MM-Online:
Vereinsabende vieler Sammlervereinigungen ähneln
Altherrenabenden. Fehlt der Nachwuchs, weil
die Jüngeren nicht mehr selbst suchen dürfen?
Dr. Gerhard Niedermayr:
Dem kann ich zustimmen, sehr wenige Vereine betreuen aktiv die Jugendlichen. Die Münchner Mineralienfreunde mit
ihren vielen Untersparten und speziell mit ihrer Jugendgruppe sind da eher die Ausnahme. Insgesamt glaube ich, dass es
nicht der fehlende Nachwuchs ist, sondern eher sich die Alten zu wenig um die Jungen kümmern. Freilich darf man nicht übersehen, dass die Jungen oft nicht allzuviel Zeit für den Verein und das Sammeln erübrigen können.
MM-Online:
Welche Möglichkeiten sehen Sie als Repräsentant einer
bedeutenden Institution, die Situation zu
verbessern?
Dr. Gerhard Niedermayr:
Museeen und Vereine müssen ihr Angebot für die Jugendlichen intensivieren, auch der Computer bietet sich
hier an. Ausstellungen der Museen dürfen nicht am Besucher vorbei konzipiert werden.
Und noch wichtiger: Der ideelle Wert des Suchens und Sammelns muss in den Vordergrund gestellt werden.
Es kann nicht darum gehen, wer sich die Reise zum Sammeln nach Namibia leisten kann.
MM-Online:
Was würden Sie jemandem raten, der heute mit dem
"Mineraliensuchen" beginnen will?
Dr. Gerhard Niedermayr:
Einem Verein beitreten. Auch die Museen unterstützen im Rahmen ihrer personellen Möglichkeiten die
Privatsammler.
MM-Online:
Wie beantworten Sie die Frage "Ist das Suchen ein Hobby von gestern?" für sich, da Sie ja auch selbst
aktiv suchen?
Dr. Gerhard Niedermayr:
Absolut nicht. Allerdings ist es schwieriger geworden. Aber Sammeln ist das Wichtigste, um Wissen zu schaffen.
Zum selben Thema konnten wir auch Dr. F. Hofmann, den ehemaligen Konservator der Sammlung der TU Freiberg interviewen.
MM-Online:
"Ja früher, da hat man bei uns noch selber Kristalle finden
können - aber heute Sammelbeschränkungen und
ausgebeutete Fundstellen!"
Teilen Sie die pessimistische Einschätzung vieler Sammler?
Dr. F. Hofmann:
Die Sammelmöglichkeiten sind geringer geworden, aber es gibt sie. Wenn auch in Sachsen kein Bergbaubetrieb
mehr aktiv ist, so bleiben die ehemaligen Braunkohletagebaue in den Urstromtälern Fundmöglichkeiten
für Achat und Bernstein. Zu nennen sind weiter die zahlreichen Steinbrüche (z.B. Hammerunterwiesenthal),
die nach Anmeldung bei der Betriebsleitung bereit sind, Gruppen den Zugang zu ermöglichen.
Reserviert steht man allerdings Leuten gegenüber, die kofferraumweise Material zum Handeln abtransportieren
wollen. Nicht zuletzt sind es temporäre Aufschlüsse (Straßenbauten, z.B. Elterlein), die den zahlreichen
Lokalsammlern gute Fundmöglichkeiten verschaffen. Gerade die Aktivität der Lokalsammler ist auch
wissenschaftlich wichtig, sie dokumentieren die Mineralführung vieler Vorkommen.
MM-Online:
Vereinsabende vieler Sammlervereinigungen ähneln
Altherrenabenden. Fehlt der Nachwuchs, weil
die Jüngeren nicht mehr selbst suchen dürfen?
Dr. F.Hofmann:
Die Situation ist in meiner Umgebung nicht so schlecht, ich denke da an die Bezirksgruppe Hoyerswerda der VFMG.
Die älteren Bergleute haben es schon in den Zeiten der ehemaligen DDR verstanden, die Jungen zu begeistern.
In jüngster Zeit ist die Suche nach dem Bernsteinzimmer für Jüngere ein aktuelles Thema.
MM-Online:
Welche Möglichkeiten sehen Sie als Repräsentant einer
bedeutenden Institution, die Situation zu
verbessern?
Dr. F. Hofmann:
Die Sammlungen der Universitäten sollten keine Anhängsel von Lehrstühlen sein. Damit lässt
sich keine effektive Öffentlichkeitsarbeit leisten. Das weitere Schicksal der Sammlungen wird auch davon
abhängen, inwieweit sie in die wissenschaftliche Arbeit einbezogen werden. Auch an die Möglichkeit,
dabei ausgebildete Mineralogen einzusetzen, sollte man denken.
MM-Online:
Was würden Sie jemandem raten, der heute mit dem
"Mineraliensuchen" beginnen will?
Dr. F. Hofmann: Er sollte sich einen Aufschluss in der Nähe seines Wohnortes suchen und dort sammeln.
Selbst Ton- und Sandgruben können lohnend sein.
MM-Online:
Wie beantworten Sie die Frage für sich, da Sie ja auch selbst
aktiv suchen?
Dr. F. Hofmann:
Geben Sie den Kindern einfache Steine zum Spielen. Ich persönlich habe einen 4-jährigen Enkel,
mit dem ich öfters unterwegs bin. Er kennt schon den Pyknit und hat mich neulich verbessert:
Opa, das ist kein Achat, das ist Jaspis.
Last update 27.03.2000
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